Katharina von Schloss Blumenstein
Die gruselige aber wahre Geschichte von der "Blumensteiner-Schlosskätt"

erzählt von Heinrich Müller

Prolog

Die Sage von der Blumensteiner Schlosskätt steht nirgends geschrieben und ist nur noch einigen wenigen älteren Leuten des Dörfchens Gebüg bekannt. Diese trafen sich früher an den langen Winterabenden zur so genannten "Maaistubb". Das Fernsehen war noch nicht erfunden und Radiohören war in der ländlichen Abgeschiedenheit auch noch nicht möglich und so brachte wenigstens die "Maaistubb" etwas Abwechslung in den harten und kargen Alltag der Gebüger Familien. Während die Männer die Begebenheiten des Tages erzählten und diese ausführlich kommentierten, strickten und häkelten die Frauen und lauschten aufmerksam den Gesprächen der Männer. Wenn es dann draußen gänzlich dunkel war und die nackte Glühbirne an der Decke ihr trübes Licht verbreitete, brach die Geisterstunde an und man erzählte reihum Spuk- und andere gruselige Geschichten. Obwohl keine der Geschichten neu war und man sie zum wer-weiß-wievielten Male hörte, verursachten sie doch jedes Mal wieder eine gehörige Portion Gänsehaut. 

Doch nicht alle Geschichten waren erfunden und der Fantasie entsprungen. Mindestens eine ist wahr und soll sich, so unglaublich es klingen mag, genauso zugetragen haben, wie sie nachfolgend erzählt wird; so, wie sie auch von den Gebügern von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde.

Erste Geschichte

Um das Jahr 1250 lebte auf der Burg Blumenstein eine lieblich holde Maid mit Namen Katharina. Sie war des Burgherrn Töchterlein und war wegen ihres frohen und heiteren Gemütes bei allen  Burgbewohnern sehr beliebt und wurde allgemein nur "das Käthchen" genannt.

Käthchen war dem jungen Förster Gero zugetan, welcher im Auftrage ihres Vaters die Wälder um das Schloss verwaltete und dort auch die Jagd ausübte. Aus beiden sollte ein Paar werden, so wollte es Oswin von Blumenstein, Katharinas Vater. Gero gehörte zwar nicht dem Ritterstande an, aber Burgherr Oswin war von dem jungen Förster sehr angetan und war mit seiner Arbeit über die Maßen zufrieden, sodass er die baldige Vermählung der jungen Leute beschlossen hatte.

Alljährlich in der Winterszeit wurde im Blumensteiner Forst das Brenn- und Bauholz geschlagen, welches für das kommende Jahr von den Burgbewohnern benötigt wurde. Förster Gero nahm deswegen junge Männer in Lohn und Brot um sie bei der schweren und harten Waldarbeit einzusetzen. Es waren durchweg einfache und ungebildete Burschen, die im Umfeld der Burg Blumenstein und der benachbarten Burgen lebten. Unter den Holzfällern befand sich auch ein besonders wilder und roher Geselle aus dem Fleckensteinischen mit Namen Lutzhold. Er hatte Gero und Käthchen schon öfters heimlich und verstohlen beobachtet und Neid, Eifersucht und auch Verlangen nach der schönen Jungfrau machten sich in seinem dunklen Gemüte breit.

An einem kalten Wintermorgen ritt Käthchen in den Wald, um ihren Liebsten mit heißer Brotsuppe zu versorgen. Als sie die Burg durch die kleine Hinterpforte verlassen hatte und den steilen Burghang hinab ritt, verstellte ihr plötzlich Lutzhold den Weg, in der Hand die klobig schwere Axt drohend gegen Käthchen erhoben. Ob des plötzlichen Anblickes scheute Katharinas Pferd und bäumte sich hoch auf. Käthchen, die sich nicht mehr halten konnte, rutschte aus dem Sattel und fiel vor Lutzhold auf den hart gefrorenen Waldboden. Gierig und wie von Sinnen warf sich der Unhold auf die vor Schreck und Kälte zitternde Maid und wollte ihr böse Gewalt antun.

Als ob Gero geahnt hätte, welche Gefahr seiner Liebsten drohte, stand er plötzlich hinter Lutzhold und stieß im die mitgeführte Saufeder mit aller Kraft in den Rücken. Obwohl sein dickes Winterwams die Härte des Stiches milderte, schrie Lutzhold vor Schmerz auf und ließ von Käthchen ab. Noch im Aufstehen ergriff er seine neben ihm liegende Axt und stürzte sich damit wutentbrannt auf Gero. Mit einem einzigen kraftvollen Hieb trennte er Geros Kopf vom Körper. Wie versteinert beobachtete Katharina das grausige Geschehen, unfähig um Hilfe zu rufen oder gar ihrem Liebsten zu helfen. Lutzhold aber, dessen Gesicht sich zu einer teuflischen Fratze verwandelt hatte, hob Geros blutüberströmtes Haupt vom Boden auf und überreichte es Katharina mit einer ungelenken und hämischen Verbeugung.

Käthchen, die das Endgültige des soeben Geschehenen noch gar nicht erfasst hatte, nahm den Kopf ihres Liebsten, wickelte ihn sorgfältig in ihren Reitloden und ritt zur Burg zurück. Dort angekommen wurde ihr mit einem Schlage bewusst, dass ihr geliebter Gero nicht mehr war und dass ihre gemeinsame und so rosig ausgemalte Zukunft dahin war. Sie bestieg voller Verzweiflung die höchste Burgzinne und schaute noch einmal über den Blumensteiner Wald, dorthin, wo sie mit ihrem Liebsten so frohe und süße Stunden verbracht hatte. Dann stürzte sie sich mit einem klagenden Wehschrei in die Tiefe, den Kopf ihres Liebsten fest unterm Arm. Ihr langes blondes Haar löste sich im Sturze auf und flatterte wie ein goldener Schweif hinterdrein.

Zweite Geschichte

Viele hundert Jahre sind vergangen. Aus dem einst stolzen Schloss Blumenstein ist eine verfallene und von Efeu überwucherte Ruine geworden und keine Menschenseele lebt mehr in dem düsteren Gemäuer. Und niemand mehr denkt an das Käthchen vom Schloss und an ihr schreckliches Schicksal.

An einem Wintermorgen im Jahre 1850 machen sich Ludwig und Johann, zwei Taglöhner aus dem kleinen Weiler Gebüg, auf den Weg in den Blumensteiner Wald. Sie wollen Holz schlagen um ihre erbärmlichen Behausungen zu heizen. Fehlt es auch an Nahrung und anderen lebensnotwendigen Dingen, so soll es doch wenigstens warm sein in den Hütten.

Als die beiden an die verfallene Pforte am hinteren Burgsockel kamen, hörten sie plötzlich lautes Pferdegetrappel, das zu einem wahren Donner anschwoll. Gleichzeitig erschien wie aus dem Nichts ein weißes Pferd, dessen Umrisse mit dem verschneiten Winterwalde verschwammen. Auf dem Pferde aber saß eine bleiche, fahle Frau, einen blutüberströmten Kopf unter dem Arm. Das lange weiße Haar des Weibes flatterte wild nach hinten weg, obwohl sich kein einziges Lüftchen regte. Der ganze Spuk dauerte nur wenige Augenblicke, dann löste sich alles wiederum in Nichts auf. Fast alles, denn drei dunkelrote Blutstropfen blieben im weißen Schnee zurück.

Ludwig und Johann, keiner klaren Gedanken mehr fähig, rannten in Todesängsten vom Ort des Schreckens weg, rannten ohne Unterlass durch den knöcheltiefen Schnee bis nach etwa viertausend Schritten die ersten Hütten von Gebüg in Sicht kamen. Hier riefen sie die Bewohner zusammen und berichteten von ihrem grausigen Erlebnis.

Die unheimliche Begegnung mit der fahlen Frau und der schnelle Lauf nach Hause hatten Ludwig wohl das Herzband zerrissen, denn er starb noch in der gleichen Nacht. Am nächsten Morgen lag er tot in seinem Bett. Sein vormals schwarzes Haar war über Nacht schlohweiß geworden und umrahmte gespenstisch das bleiche Gesicht.

Johann aber lebte noch viele Jahre und musste seine  Begegnung mit der "Kätt vom Blumenstein" immer wieder seinen Kindern und später seinen Kindeskindern erzählen. Er setzte jedoch zeitlebens nie mehr einen Fuß in den Blumensteiner Wald.

Die Nachkommen von Johann erzählten die Geschichte weiter und so ist die Sage über die "Blumensteiner Schlosskätt" in Gebüg bis heute lebendig geblieben. Und man ist überzeugt, dass die Schlosskätt mindestens alle hundert Jahre erscheint um die Waldarbeiter in Todesängste zu versetzen, gleichsam als ewige Rache für das Unheil, welches ihr durch den Holzfäller Lutzhold zugefügt wurde.

Epilog

Ist sie nun wahr, diese Erzählung oder doch nur eine Sage aus einer vergangenen Zeit? Der Schreiber dieser Zeilen, in Gebüg aufgewachsen, hat als Kind oft bei den Alten gesessen und zugehört, wenn sie mit vor Ehrfurcht leiser Stimme von der "Schlosskätt" erzählten und dabei nie auch das kleinste und schaurigste Detail vergaßen und er ist sich sicher, so und nicht anders könnte sich alles zugetragen haben.

Den Fantasielosen und ewig Zweifelnden unter der verehrten Leserschaft sei abschließend noch die folgende Episode aus der jüngeren Zeit gewidmet.

Wieder sind hundert Jahre vergangen und man schreibt das Jahr 1950. Ein zwölfjähriger Junge aus Gebüg geht an einem sonnigen Wintertage mit seinen Eltern und mit Onkel und Tante im Blumensteiner Wald spazieren. Wohl aus kindlicher Neugier entfernt er sich von der Gruppe und steht auf einmal mutterseelenallein an der verfallenen Pforte auf der Rückseite des Blumenstein. Plötzlich hört er lautes Pferdegetrappel, das zu einem wahren Donner anschwillt ...

Aus dem Kinde ist mittlerweile ein würdiger älterer Herr geworden, der sein Erlebnis am Blumenstein nur wenigen Auserwählten offenbart hat, wohl wissend, dass die Fantasie den Menschen abhanden gekommen ist und man ihm deswegen doch keinen Glauben schenken, ihn gar als Spinner abtun würde. Dem Schreiber dieser Geschichte hat er jedoch sein Erlebnis immer und immer wieder bis in jede Einzelheit erzählt und bei der Ehre seiner Eltern aufrichtig versichert, dass ihm die "Schlosskätt" wahrlich und wahrhaftig erschienen sei - mitsamt Pferd und blutigem Haupte - dort am Blumenstein, vor einem halben Jahrhundert.


  • Die hier erstmals niedergeschriebene Geschichte der "Katharina von Schloss Blumenstein" habe ich Werner Naab gewidmet, meinem leider allzu früh verstorbenen Kameraden aus Kindheitstagen.

  • Fast immer wenn ich mit Werner unterwegs war, war die "Schlosskätt" unser Thema. Unzählige Male haben wir uns am Blumenstein rumgetrieben und ängstlich auf das Erscheinen des Spukes gehofft. Doch sie kam nie - die "Kätt" - nicht zu Fuß und schon gar nicht mit ihrem Pferd. Enttäuscht aber ungemein erleichtert traten wir jedes Mal wieder den Heimweg an: Aber beim nächsten Mal, beim nächsten Mal kommt sie bestimmt!

  • Heinrich Müller


Nachdruck und Veröffentlichung, insbesondere auch Veröffentlichung auf anderen
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Als kleiner Dank dafür der Link zum örtlichen Wanderverein:

http://www.walthari-klause.de/

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